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Kontext bei Hilferufen in Übersetzerforen – Wozu? Wie viel?

Immer wieder werden in allen Übersetzerforen Fragen zur Übersetzung von Begriffen, einzelnen Wörtern oder auch ganzen Sätzen gestellt. Diese Fragen erscheinen dann leider oft bar jeden Zusammenhangs. Auf Nachfragen von hilfswilligen Kollegen liest man dann oft, es gäbe da gar keinen Kontext. Kann das stimmen?

Beispiel: „Was heißt cat auf Deutsch?“

Diese Frage klingt simpel, aber nur auf den ersten Blick. Gemeint war nicht die Katze, sondern computer-aided translation. Der Autor hatte es nicht – wie sonst üblich – groß geschrieben. Somit gingen auch die gut gemeinten Antworten ins Leere. Hätte der Fragesteller erwähnt, dass es um EDV-Systeme und Übersetzen ging, wäre die Lösung sicher schnell gefunden worden.

Diese oder ähnliche Beispiele könnte man zuhauf zitieren. Erstaunlich ist dabei, dass sie oft von Sprachkundigen auf diese reduzierte Weise gestellt werden. Dieser Personenkreis sollte eigentlich auf Grund seiner Ausbildung besser wissen, wie Fragen zu stellen sind, damit auch verwertbare Antworten gegeben werden können. Informationslose Fragestellungen schaden gleich doppelt: sowohl dem Fragesteller selber, der das Gesuchte nicht findet, als auch den Antwortgebern, die ihre Zeit mit "Fischen in trüben Wassern" verbringen.

Was ist Kontext?

Was verstehen wir unter einem "Kontext" eigentlich? Vielfach herrscht die Meinung vor, es handle sich dabei nur um den das Wort, den Satz oder Begriff umgebenden Absatz. Steht das Wort usw. aber isoliert da, wird die Rückfrage nach dem Zusammenhang negativ beschieden. Zusammenhang oder Kontext in der einen oder anderen Form gibt es aber fast immer.

Dazu muss die Definition des Kontextes über die oben genannte Ansicht hinaus erweitert werden. Zum Zusammenhang können viele Faktoren gehören:

  • die Branche, aus der ein Text kommt
  • der Titel/die Überschrift des Textes
  • die allgemeine Thematik
  • der fachliche Zusammenhang (Recht, Technik, Medizin…)
  • die Textgattung (Essay, Forderungsschreiben, Aufgabenbeschreibung, Liebesbrief, Mahnung, Bestellung, Liedtext, Jobbeschreibung, Auftragserteilung, Vertrag, Police, Gesetzestext…)
  • der Beruf/die Position des Verfassers
  • die Zielgruppe des Textes
  • Personen oder Sachen, auf die Bezug genommen wird
  • außerdem: eigene textbezügliche Erkenntnisse, die bestimmte Auslegungen ausschließen oder auch nahelegen
  • die bisherigen Ergebnisse der eigenen Nachforschungen.

Diese Liste ist sicher nicht vollständig. Sie sollte aber verdeutlichen, dass zum Kontext auch das Umfeld des Suchbegriffs zählt -- nicht nur der unmittelbar vorangehende oder folgende Satz, den es manchmal wirklich nicht gibt.

Die Situation des Antwortwilligen

Da will jemand helfen, der den Text nicht vorliegen hat, ihn natürlich nicht gelesen haben kann. Aber er muss sich erst einmal aus dem genannten Umfeld ein ungefähres Bild machen. Sonst wird es ein Ratespiel.

Deshalb sind Nachfragen wie Was heißt XYZ auf Deutsch eigentlich in einem entsprechend (aus)gebildeten Kreis nicht statthaft. Solche Fragen stehen nur Laien zu, die es gewohnt sind, das erste Wort aus ihrem Taschenwörterbuch als die Lösung anzusehen. Das sollten Übersetzer oder Dolmetscher fundierter hinbekommen – auch wenn der Auftrag eilig ist.

Im Zweifelsfall gibt es eine ganz einfache Methode, die Verständlichkeit einer Frage zu prüfen: Eine halbe Stunde nach dem Verfassen nochmals selber lesen und sich dabei fragen, ob man die Frage so, wie man sie gestellt hat, selber als Außenstehender beantworten könnte.

Andererseits sollte der Kontext auch so eingegrenzt werden, dass nicht etwa der gesamte zu übersetzende Text als Beleg für das "Umfeld" zitiert wird. Da läuft der Fragesteller nämlich Gefahr, dass keiner diese Textflut liest und folglich auch niemand hilft. Ein Zuviel an Quellen ist der deutlich seltenere Fall.

Fachlich geeignete Leserschaft lässt sich auch mit dem richtige Ausfüllen der Betreffzeile anlocken. Wer nur Hilfe: En -> De schreibt, wird viele abschrecken. Hier gehört also bereits der grundlegende Kontext hin: Hilfegesuch + Sprache + Fachgebiet + (eventuell) Unterfachgebiet + das Suchwort (nur 1-2 Wörter, da ganze Sätze zu lang sind).

So funktioniert es

Für eine möglichst hohe Antwortfrequenz auf Hilfegesuche in Übersetzerforen ist es wichtig, die wesentlichen Angaben herauszufiltern und den Mitlesern in der Fragemail mitzuteilen. Dabei ist ein Overkill mit überlangen Zitaten und Querverweisen zu vermeiden. Auch sollten nicht direkt zusammenhängende Fragen besser in getrennte Mails gestellt werden; das erhöht die Übersichtlichkeit. Auch dies kann zu vermehrt eingehenden Antworten führen.

Wolfgang HULLMANN
- gerichtl. ermächtigter Übersetzer -
Fr/En/De

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